Volkskrankheit Depression? – was löst sie bei Jugendlichen aus?

Mädchen, depressiv, Fotograph: eric-ward-akT1bnnuMMk-unsplash

Wenn du das Gefühl hast, du könntest unter einer Depression leiden, findest du Hilfe und Informationen auf www.ich-bin-alles.de sowie auf https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/wo-finde-ich-hilfe

Prof. Gerd Schulte-Körne im Interview mit den Wissenschaftsreportern

Die Corona-Zeit war gerade für Jugendliche traumatisch, so das Fazit der „Wissenschaftsreporter“: Einsamkeit, wenig soziale Kontakte – und keine Struktur beim Tagesablauf. Das schlägt sich auch auf die Stimmung nieder. Aber die Zahl von Depressionen unter Jugendlichen nimmt schon seit vielen Jahren zu. Woran liegt das? Und wie lässt sich das wissenschaftlich erklären? Diese und noch weitere Fragen hat uns Prof. Gerd Schulte-Körne, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München in unserer neuen Folge beantwortet.

Symptome einer Depression


Bevor wir uns der Frage widmen, warum immer mehr Jugendliche an Depressionen erkranken und was da eigentlich im Körper abläuft, ist es wichtig zu verstehen, was überhaupt die Symptome einer Depression sind.
Ganz grundsätzlich vorweg: bei Depression handelt es sich um eine Krankheit – auch wenn das nicht allen bewusst ist.

Woher weiß man, dass man eine Depression hat und nicht nur ein Stimmungstief?
Das sind Symptome: verminderter Antrieb, gedrückte Stimmung, Interessensverlust – nichts macht mehr Spaß – , vermindertes Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit oder sich wiederholende Gedanken an eine schlechte Zukunft. Häufig werden diese Symptome auch durch Schlafstörungen und/oder Essproblemen begleitet. Wenn diese Symptome sich über die meiste Zeit des Tages erstrecken und über mindestens 14 Tage anhalten, sollte man hellhörig werden.

Ein wichtiger Unterschied zur Trauer ist die unverhältnismäßig lange Dauer sowie eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität und der Leistungsfähigkeit.

Warum leiden Kinder und Jugendliche an einer Depression?


Mit 6-8% aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland, die an einer Depression erkrankt sind, ist die Häufigkeit der Krankheit in dieser Altersgruppe überraschend hoch. 

Um zu verstehen, warum das so ist, werfen wir einen Blick in den Körper. Das Hauptproblem bei einer Depression ist oft eine gestörte Stressverarbeitung. Bei Stress werden Stresshormone ausgeschüttet, anschließend aber wieder abgebaut. Wenn bei einer Person allerdings bereits ein erhöhtes Stressniveau besteht und dann noch zusätzlicher Stress dazukommt, werden manche Regionen im Gehirn überflutet.
Die Folge: das Gehirn ist überfordert und Reize können schlecht verarbeitet werden.

Warum sind Kinder und Jugendliche von Depressionen betroffen?


Kinder und Jugendliche sind in der Schule einem extremen Stress ausgesetzt. Dabei spielt sowohl der Leistungsstress als auch der soziale Stress eine Rolle. Dazu können Zukunftsängste und Klimaängste kommen.

Leistungsstress ergibt sich häufig daraus, dass – sei es durch Druck von Eltern oder eigenem Druck – gute Noten erreicht werden sollen. Sozialer Stress kann durch (Cyber-)Mobbing oder durch unrealistische Bilder und Anforderungen in sozialen Medien entstehen.

Ursachen nicht eindeutig geklärt

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es nicht eine eindeutige Ursache für Depressionen gibt, sondern sich verschiedene Faktoren überlagern. Nicht in jedem Fall ist ganz klar, was die Ursache für eine konkrete Depression ist. Die erwähnten sozialen Aspekte können einen Rolle spielen, aber vermutet wird auch eine erbliche Veranlagung. Welche Gene genau dafür verantwortlich sind, dass eine Depression ausbricht, ist unklar. Und: es gibt auch keinen Automatismus dafür.
Also: wenn der Vater depressiv ist, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch seine Kinder davon betroffen sein werden. Es kann auch bestimmte Auslöser für eine Depression geben, traumatische Erlebnisse in der Kindheit – aber auch Ereignisse wie die Corona-Pandemie. Die Zahl an Depressionen unter Kindern und Jugendlichen nahm in dieser Zeit zu.

Was passiert im Gehirn, wenn Antidepressiva eingenommen werden?

Es gibt Medikamente, die in den Serotoninstoffwechsel eingreifen. Serotonin ist ein Neurotransmitter, zuständig für die Signalübertragung im Gehirn. Früher ging man davon aus, dass bei Depressionen ein Mangel an Serotonin im Gehirn besteht. Antidepressiva versuchen, die Serotoninkonzentration dort zu erhöhen. Allerdings lässt sich dieser Serotonin-Mangel nicht grundsätzlich bei Depressionen nachweisen. Und auch Psychopharmaka helfen nicht immer. Eine derart „mechanistische Sicht“ auf die Krankheit wird heute in Frage gestellt

Da unsere Psyche komplex ist und bei einer Depression meist nicht nur ein, sondern mehrere Stoffwechselsysteme betroffen sind, ist die Wirksamkeit von Medikamenten bei jeder Person vorab nicht sicher. Bei jungen Menschen spielt die Psychotherapie für die Behandlung von Depressionen eine wichtige Rolle. Neben der Psychotherapie gibt es auch noch Formen der Kreativtherapie, zu der unter anderem die Musiktherapie, die Kunsttherapie und die Bewegungstherapie gehören. Durch Studien als besonders wirkungsvoll evaluiert gelten Bewegung und Sport.

Letztendlich ist das Ziel, dass Menschen lernen, mit ihrer Depression klar zu kommen – und sich als selbstwirksam zu erleben.

Wo finde ich Hilfe?

Wenn du das Gefühl hast, du könntest selber an einer Depression leiden, hast du mehrere Möglichkeiten.

Sprich mit einer Vertrauensperson darüber – Eltern, Freunde, Geschwister. Wenn die Symptome über längere Zeit anhalten, solltest du einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen, um deinen Verdacht professionell abklären zu lassen.
Denn: Depression ist eine Krankheit.

Falls du dich erstmal keiner Person aus deinem Umfeld anvertrauen möchtest, kannst du anonym bei folgenden Nummern anrufen:

Shownotes:

https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/ursachen-und-ausloeser
https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Eine-Depression-erkennen-und-
behandeln,depression108.html
https://www.psych.mpg.de/840900/depression
https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/depression-internationale-studie-bringt-licht-in-die-
ursachen-der-lebensfinsternis-8288.php
https://www.planet-
wissen.de/natur/forschung/epigenetik/:~:text=Der%20Begriff%20%22Epigenetik%22%20ist%20zusa
mmengesetzt,wann%20es%20wieder%20stumm%20wird
https://www.spektrum.de/news/depression-mythos-serotonin-mangel/1798331
https://www.imd-berlin.de/fachinformationen/diagnostikinformationen/serotoninmangel-und-
depression
Enneking, V., Dzvonyar, F., Dannlowski, U. et al. Neuronale Effekte und Biomarker antidepressiver
Therapieverfahren. Nervenarzt 90, 319–329 (2019)

Hier der Link zu unserem Podcast „Die Wissenschaftsreporter“

#25 Volkskrankheit Depression? – was löst sie bei Jugendlichen aus? – Die Wissenschaftsreporter

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